Frage 1
Wann muss ich mit der Nachfolge anfangen, wenn ich mit 65 übergeben will?
Mit 62, also rund 3 Jahre vorher. Von der Entscheidung bis zur Übergabe vergehen meist 12 bis 36 Monate, bei sorgfältiger Vorbereitung eher drei Jahre als eines. Wer kurzfristig übergeben will, ist laut KfW-Nachfolge-Monitoring im Schnitt bereits 66,5 Jahre alt und damit später dran als geplant.
Quelle: KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526
Kaum eine Zahl beschreibt das Aufschieben so gut wie diese: Inhaber, die ihre Übergabe kurzfristig regeln wollen, sind im Mittel 66,5 Jahre alt. Das Renteneintrittsalter ist dann schon überschritten, und der Zeitplan diktiert die Bedingungen, nicht mehr der Inhaber.
Dabei ist der frühe Start keine Frage von Fleiß, sondern von Rechenlogik: Die einzelnen Etappen einer Übergabe haben Mindestlaufzeiten, die sich nur begrenzt zusammenschieben lassen. Eine Bank prüft nicht schneller, weil Sie es eilig haben, und ein Betrieb wird nicht in drei Monaten unabhängig von seinem Inhaber.
Die Grafik zeigt den Fahrplan rückwärts gerechnet: vom Wunschtermin bis zu dem Punkt, an dem die Entscheidung fallen sollte.
Rückwärts gerechnet
Wer mit 65 übergeben will, beginnt mit 62
36 Monate vorher
Entscheidung und erste Wertspanne
Wunschtermin festlegen, Wertspanne ermitteln, Gespräch mit dem Steuerberater führen.
24 bis 30 Monate vorher
Betrieb übergabefähig machen
Wissen dokumentieren, zweite Ebene aufbauen, Zahlen und Verträge in Ordnung bringen. Das braucht am längsten.
12 bis 18 Monate vorher
Nachfolgersuche beginnt
Anonymes Profil, geordnete Ansprache. Die Suche selbst dauert oft 6 bis 18 Monate.
6 bis 12 Monate vorher
Prüfung, Finanzierung, Vertrag
Unterlagen werden geprüft, die Bank des Nachfolgers braucht Zeit, der Vertrag wird verhandelt.
Übergabetag
Der Betrieb wechselt in gute Hände
Danach folgt die Einarbeitung: je nach Vereinbarung wenige Monate bis 2 Jahre an der Seite des Nachfolgers.
Realistischer Vorlauf für eine geordnete Übergabe
3 Jahre
Frage 2
Warum dauert eine gute Übergabe 2 bis 3 Jahre?
Weil vier Etappen zusammenkommen: den Betrieb übergabefähig machen (12 bis 24 Monate), einen Nachfolger finden (6 bis 18 Monate), Prüfung, Finanzierung und Vertrag (6 bis 12 Monate) und die Einarbeitung. Einige Etappen laufen parallel, ganz verschwinden sie nie.
Quelle: Deutsche Industrie- und Handelskammer
Die längste Etappe ist die, die am häufigsten unterschätzt wird: den Betrieb so aufzustellen, dass er auch ohne Sie funktioniert. Wissen dokumentieren, eine zweite Ebene aufbauen, Kundenbeziehungen übertragbar machen: Das sind Veränderungen in einem laufenden Betrieb, und sie brauchen naturgemäß Monate bis Jahre.
Die Nachfolgersuche folgt einem eigenen Takt. Der passende Nachfolger muss nicht nur existieren, sondern zum richtigen Zeitpunkt suchen, fachlich passen und die Finanzierung stemmen können. Wer früher beginnt, kann auf mehrere Interessenten warten, statt den erstbesten nehmen zu müssen.
Dass die meisten zu spät dran sind, ist gut belegt: Laut DIHK-Report Unternehmensnachfolge 2025 sind 38 Prozent der abgebenden Inhaber bei der Kammer-Beratung nicht gut vorbereitet, weil sie sich zu spät mit dem Vorhaben beschäftigen. Drei Viertel wenden sich erst zwei Jahre oder kürzer vor der geplanten Übergabe an externe Begleiter.
Frage 3
Was kostet es mich, wenn ich zu spät anfange?
Ein später Start kostet Auswahl, Verhandlungsposition und am Ende Kaufpreis: Wer schnell übergeben muss, kann Werttreiber nicht mehr heben und Angebote nicht mehr vergleichen. Im schlechtesten Fall bleibt statt der Übergabe nur die Schließung, mit Abfindungen und Restwerten statt eines Kaufpreises.
Das ist keine Schwarzmalerei, sondern nüchterne Verhandlungslogik. Ein Interessent, der Ihren Zeitdruck spürt, verhandelt anders. Und die wirksamsten Werthebel eines Handwerksbetriebs, weniger Abhängigkeit vom Inhaber, dokumentierte Abläufe, stabile zweite Ebene, wirken erst nach 12 bis 24 Monaten. Wer sie nicht mehr ziehen kann, übergibt unter Wert.
Der frühe Start hat dagegen einen doppelten Vorteil: Er hält beide Wege offen. Sie können in Ruhe übergeben, und falls sich Ihre Pläne ändern, haben Sie einen besser aufgestellten Betrieb, der Ihnen selbst mehr Freiheit lässt. Vorbereitung auf die Übergabe ist nie verlorene Arbeit.
Übrigens gilt das auch, wenn Sie noch schwanken, ob Übergabe oder Schließung der richtige Weg ist: Der Vergleich fällt nur dann ehrlich aus, wenn genug Zeit für beide Optionen bleibt. Den Vergleich mit Zahlen finden Sie im Beitrag Übergeben oder schließen.
Frage 4
Warum ist das Alter 55 steuerlich ein Meilenstein?
Ab dem vollendeten 55. Lebensjahr gewährt das Einkommensteuergesetz zwei Vergünstigungen, jeweils einmal im Leben: einen Freibetrag von bis zu 45.000 Euro auf den Übergabegewinn (§ 16 Absatz 4 EStG) und auf Antrag einen ermäßigten Steuersatz auf den Gewinn (§ 34 Absatz 3 EStG).
Quelle: Bundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet, Bundesministerium der Justiz, Gesetze im Internet
Beide Vergünstigungen sind an Bedingungen geknüpft, und genau deshalb gehören sie früh ins Gespräch mit dem Steuerberater. Der Freibetrag von 45.000 Euro schmilzt ab, soweit der Gewinn aus der Übergabe 136.000 Euro übersteigt, bei größeren Beträgen läuft er also ins Leere. Der ermäßigte Steuersatz nach § 34 Absatz 3 EStG beträgt 56 Prozent des durchschnittlichen Steuersatzes, mindestens aber 14 Prozent, und gilt für Gewinne bis 5 Millionen Euro.
Einmal im Leben heißt: Die Reihenfolge will geplant sein. Wer mehrere Betriebe, Anteile oder eine Betriebsimmobilie hat, sollte mit dem Steuerberater durchrechnen, wofür die Vergünstigungen eingesetzt werden. Auch der Zeitpunkt der Übergabe innerhalb eines Jahres kann steuerlich einen Unterschied machen.
Für die Zeitplanung bedeutet das: Das Steuerthema ist kein Grund zur Eile und kein Grund zum Warten, aber ein Grund für ein frühes Jahresgespräch. Ihr Steuerberater kann die Weichen nur stellen, wenn er den Wunschtermin kennt, bevor der Vertrag verhandelt wird.
Frage 5
Woran merke ich, dass jetzt der richtige Moment ist?
Es gibt typische Anlässe: ein runder Geburtstag, der Rentenbescheid, das Jahresgespräch beim Steuerberater, eine Übergabe im Kollegenkreis oder ein gesundheitlicher Warnschuss. Der beste Auslöser ist aber ein selbst gewählter Termin. Ein guter erster Schritt: eine Wertspanne, die niemand außer Ihnen sieht.
Warten Sie nicht auf das Ereignis, das Sie zwingt. Die stärkste Position haben Sie, wenn die Übergabe ein Projekt mit Wunschtermin ist, kein Notfallplan. Ein einfacher Anker funktioniert in der Praxis gut: Legen Sie den Wunschtermin fest und tragen Sie drei Jahre davor einen festen Starttermin in den Kalender ein, zum Beispiel den nächsten Jahreswechsel.
Der Einstieg selbst ist kleiner, als er sich anfühlt. Eine erste Wertspanne können Sie an einem Abend ermitteln, anonym und unverbindlich. Danach wissen Sie, wo Ihr Betrieb steht, welche Hebel den Wert steigern und worüber Sie mit dem Steuerberater sprechen sollten. Aus dem diffusen Thema Nachfolge wird eine Liste mit drei nächsten Schritten.
Und falls Sie diesen Beitrag mit 58 lesen und die Übergabe erst mit 65 planen: Sie sind nicht zu früh. Sie sind in der komfortabelsten Lage, die es bei diesem Thema gibt.